Hintergrundwissen "Einsicht" & "Einsichtsfähigkeit"

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Allgemein
"Einsicht" bedeutet, dass Eigenschaften, Zusammenhänge und Beziehungen auf der Basis von Wahrnehmungen und analytischen Überlegungen hinreichend erkannt, geistig erfasst und sachlich richtig begriffen werden. Dabei handelt es sich stets um eine subjektive Einsicht. In sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen besteht ein Unterschied zwischen der eigenen subjektiven Einsicht und der Einsicht in sozialen Zusammenhängen, die die Objektivität bilden. Subjektive Einsichten unterscheiden sich folglich von objektiv von außen messbaren Einsichten. 

 

Spontan erlebte Einsichten basieren nicht auf analytischen Überlegungen, sondern auf Gefühlen. Man bezeichnet sie als „Intuition“. Dennoch erfolgt auch die „Einsicht“ nicht nur auf analytischen Überlegungen. Auch sie unterliegt einer affektiven Beteiligung, allein schon als Motivation für weitere Überlegungen bzw. kognitive Prozesse.

 

Im juristischen Bereich
Im juristischen Sinne stehen hinsichtlich des Begriffes "Einsicht" Vorstellungs- und Wissens-Aspekte im Vordergund, also die Fähigkeit zum Erkennen und die jeweilige Kenntnis von etwas bzw. die Kenntnis über einen Sachverhalt. Dies beeinflusst zugleich die Zuschreibung der Zurechnungs- und Schuldfähigkeit.


Einsicht in der Psychologie und Psychiatrie (allgemein)
Im psychologischen und psychiatrischen Bereich versteht man unter Einsicht nicht nur das geistige Erkennen von Problemen, Fehlern und Lösungen, sondern ein  – über das Denken hinausgehendes - Erkennen und Begreifen unter Einbeziehung emotionaler Komponenten und Werthaltungen (Busemann 1975, Hommers und Lewand 2001).

 

Einsicht  erfordert die "Einsichtsfähigkeit" und "Einsichtsbereitschaft", folglich die Bereitschaft (Motivation) und Fähigkeit in Bezug auf Wahrnehmung, Denken und Fühlen (Intelligenz, psychische Konstitution, psychische Gesundheit, Gewissen & Moral), um überhaupt zu einer Einsicht zu gelangen.    


Einsicht in der Gestalts- und Lernpsychologie
Hier versteht man unter „Einsicht“ das plötzliche bzw. überraschende Erkennen der Lösung z.B. eines Problems oder eines Lösungsweges. Als Ergebnis dieses Prozesses zeigt sich häufig ein geändertes oder neuartiges Verhalten. In diesem Zusammenhang wird auch vom sogenannten „Aha-Erlebnis“ gesprochen, ein Begriff der von Karl Bühler (1879–1963) geprägt wurde. Wolfgang Köhler (1887–1967) hat ihn in die Denkpsychologie eingeführt. In diesem Zusammenhang gilt es, zu erwähnen, dass eine durch Einsicht lösbare Problemlösung zumeist aus einem einzigen Lösungsschritt besteht. 

 

Lernen durch Einsicht

Beim sogenannten „Lernen durch Einsicht“ („Erleuchtung“, „Mir ist ein Licht aufgegangen“, „Jetzt hab' Ich's - Effekt“), das in der Gestaltpsychologie (Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Max Wertheimer) entwickelt wurde,  wird einem Menschen plötzlich klar, wie die Lösung auf ein gestelltes Problem aussieht. Dieses Klarwerden ist die wohl effektivste und nachhaltigste Form des Lernens.

Um zu einer Einsicht zu gelangen, ist es notwendig, die Wahrnehmungsstruktur und die Betrachtungsweise bzw. den perspektivischen Blickwinkel zu verändern und das Problem, das als Ganzes angesehen wird, in Einzelteile zu zerlegen und es dann neu zu betrachten. Betrachtet man hingegen ein Problem aus einer starren Sichtweise, so fällt es schwierig, die Lösung zu finden.

 

Einsicht und Uneinsichtigkeit bei Psychosen

Unter Einsicht versteht man nicht nur das geistige Erkennen von Problemen, Fehlern und Lösungen, sondern ein  – über das Denken hinausgehendes - Erkennen und Begreifen unter Einbeziehung emotionaler Komponenten und Werthaltungen.
In der Psychiatrie bezeichnet Einsicht zugleich die Fähigkeit zum Erkennen eines krankhaften Zustandes bzw. einer Persönlichkeitsstörung.


Die fehlende Einsicht in den krankhaften Zustand findet man – neben anderen Kriterien wie den Verlust des Kontaktes mit der Realität – z.B. bei Psychosen (Laplanche/Pontalis, 1998). Hier wirkt sich der strukturelle Wandel des Erlebens darauf aus, dass man sein Handeln selbst gar nicht objektiv einordnen kann, Zusammenhänge oder Störungen eher anderen zuschreibt und dadurch nicht in der Lage ist, die eigene Störung selbst zu erkennen. Behandlungsvorgänge werden (sofern überhaupt ein Facharzt konsultiert wird, was dem Uneigensichtigen in der Regel widerstrebt) ggf. zwar eventuell toleriert, nicht aber wirklich verstanden und verinnerlicht (Einsicht). Nicht selten kommt es zu einer Schein-Einsicht oder einer Trotz-Einsicht des Betroffenen.


Warum sind Menschen mit einer Psychose nicht einsichtig? 

Dies hat mehrere Ursachen. U. a. liegt es daran, dass die Wahrnehmung getrübt ist, die Grenzen zwischen der eigenen Person und den anderen sind nicht mehr klar sind, Dinge als zusammengehörig empfunden werden, die nicht zusammengehören und Dinge als zur eigenen Person zugehörig empfunden werden, obwohl sie es nicht sind. Auch liegt es daran, dass zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem häufig nicht mehr klar unterschieden werden kann und z.B. unwesentliche Dinge eine zentrale Bedeutung erhalten, Denkabläufe gestört sind, ggf. ein „Wahn“ als Ausdruck nicht zugestandener Wünschen und Bedürfnisse vorliegt, welcher der Abwehr von Konflikten dient, die gefühlsmäßige Beziehung zur Umwelt gestört ist und ein Zwiespalt zwischen Wollen und Nicht-Wollen vorliegt. Nicht zuletzt liegt es daran, dass der Mensch von sich selbst und seiner eigenen Logik überzeugt ist, ebenso von der Richtigkeit seines Handelns. Was passiert?

Abwehr gegen Einsicht: Umkehr
An Stelle einer Einsicht erfolgt hier zumeist die Umkehr eines Fehlers, eines Problems, einer Diagnose oder Verhaltens-Zuschreibung. Umkehrung bedeutet, dass ein Fehler, ein Problem, eine Diagnose oder eine Verhaltenszuschreibung auf genau die Person oder Personengruppe projiziert wird, welche die Beobachtung, Vermutung oder Tatsache anspricht oder eine eventuell vorhandene Störung/Erkrankung diagnostiziert (Beispiel: "Du bist der Kranke!", "Du musst selber mal zum Arzt!", "Psychiater sind selbst alle krank", "Du liebst mich nicht!", Du musst mich scheinbar hassen.", "Du hast das doch gesagt, nicht ich", "Du machst doch selbst auch XYZ"). 

Derartige Konter-Reaktionen sind im Umkehrschluss zugleich wieder ein Indiz für eine etwaige psychotische Störung, zumindest dann, wenn sie wiederholt beobachtet werden können und auffällig ist, dass die Person über keine Einsicht verfügt, was die Bereitschaft zur Kooperation in dieser Hinsicht mit einschließt. Woran liegt das?

Ursachen
Dies liegt daran, dass sich das “Ich“ vor Bewusstseinsinhalten (z.B. unangenehmen Wahrheiten) zurückzieht, die es selbst nicht verkraften kann. Die belastenden Inhalte (wozu auch eigene Fehler zählen) bleiben zwar im Bewusstsein, werden aber von der eigenen Person abgespalten. Dadurch erscheinen Gedanken und Gefühle nicht von einem selbst hervorgebracht. Auch aus Hass gegen eine andere Person wird, da dieser Hass vom „Ich“ nicht toleriert werden kann, wahnhaft die Umkehrung gemacht.

Aus "Ich verhalte mich lieblos" wird "der andere verhält sich lieblos". Aus "Ich hasse den anderen" wird "Der andere hasst mich". Aus "ich bin vielleicht krank" wird "der andere ist vielleicht krank". Diese Umkehr vermindert die eigenen Schuldgefühle, da die Gefühlsregungen, die man bei sich selber nicht akzeptieren kann, nun angeblich bzw. zum Schein von außen kommen und so bekämpft werden können.


Es kann sogar vorkommen, dass ein psychotischer Mensch sich bereits durch die Nennung seines eigenen Namens provoziert fühl, weil eben dieser Name mit einem eigenen Schuld- oder Schamgefühl in Zusammenhang gebracht wird. Während dieser Mensch eigentlich lieber einen Alias-Namen (z.B. Spitzname oder Kosename) trägt und mit diesem angesprochen werden will, weil z.B. der eigene Name geleugnet wird,
nutzt er in der Umkehr die namentliche Ansprache des anderen als Gegenvorwurf.


Auf ein sensibles Umfeld mit guter Beobachtungsgabe wirkt dieses Umkehr-Verhalten insgesamt sehr auffällig. Andere deuten es lediglich als "konterstark", "durchsetzungsstark", "schlagfertig" oder "frech". Dahinter verbirgt sich aber oft eine schwere Psychose, die der Behandlung durch einen Facharzt für Psychiatrie und einen Psychotherapeuten bedarf. Beratungen und Coachings sind hier fehl am Platz. Berater oder Coaches müssen dies unbedingt erkennen. Leider fällt dies einem Laien nur in wenigen Fällen auf.

 

Nur in selteneren Fällen kann die Umkehr als Folge der Uneinsichtigkeit aufgrund eines psychischen Problems als solche auch von Laien erkannt werden: So kann es in extremen Fällen vorkommen, dass z.B. Menschen mit einem gestörten Selbstbewusstsein, die sich der persönlichen Verantwortung entziehen wollen, sich mit Figuren identifizieren, die über jegliche Schuld erhaben sind (z.B. ein Engel).
Dies macht sie aus ihrer Sicht unangreifbar. Zumeist reicht es aber, wenn sie die eigene Schuld auf andere projiziieren und umkehren. Dies bedeutet, dass alle Zuschreibungen an die eigene Person zumeist an die zuschreibende Person zurückgegeben werden oder – wenn dies nicht funktioniert – der Umwelt zugeschrieben werden.