Hintergrundwissen "Pseudologische Störung" / "Artifizielle Störung" / "Münchhausen-Syndrom" / "Münchhausen-by-proxy-Syndrom"

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Pseudologische Störungen
Der Begriff Pseudologie stammt vom Altgriechischen "pseudos" = "falsch" und -logie. "Pseudologie" wird auch als "Mythomanie" bezeichnet: Die Begriffe beschreiben in der Medizin bzw. in der Psychiatrie das krankhafte Verlangen, zu lügen. In der Psychologie spricht man von einer Persönlichkeitsstörung, bei der die betroffenen Menschen erfundene Geschichten erzählen, in andere Rollen hineinschlüpfen oder sich als jemand anderes ausgeben. Motiv ist zumeist das Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung. Die genaueren Hintergründe werden jedoch nachfolgend erläutert.

 

Pseudologia phantastica / Pathologisches Lügen

"Pseudologia phantastica" bezeichnet in der Psychiatrie seit Anton Delbrück (1891) den Drang zum krankhaften Lügen und Übertreiben, was heute zumeist als "pathologisches Lügen" bezeichnet wird. Bei dieser Störung sieht sich der Betroffene dazu veranlasst, ständig Geschichten zu erfinden und sich selbst über unwahre, manchmal groteske Erzählungen in den Mittelpunkt zu stellen. Auch kommt es vor, dass sie Betroffenen Situationen und Umstände anders darstellen als sie in Wirklichkeit sind. Dabei handelt es sich jedoch nicht um sogenannte Notlügen, sondern zu einer nicht kurzfristigen, sondern wiederholten und langfristigen Verzerrung und Verdrehung der Realität,

 

Die Betroffenen sind beim Verdrehen von Tatsachen sowie beim Erfinden und Lügen derart kreativ und geschickt, dass dies oft über viele Jahre hinweg nicht auffällt. Die Betroffenen schlüpfen - ähnlich einem Rollenspiel - in eine andere Rolle und legen (und lügen) sich ihre Welt so zurecht, dass ihr Selbtbild und Selbstwert möglichst aufgewertet wird und sie die nötige Aufmerksamkeit bekommen, die sie in ihrer Kindheit zumeist nicht erfahren haben. Dabei schrecken sie auch vor Ideen und Handlungen nicht ab, die ihnen selbst schaden. Zu dieser Krankheit gehört auch das sogenannte "Münchhausen-Syndrom" und das "Münchhausen-by-proxy-Syndrom". Letztere konzentrieren sich allerdings mehr auf das Erfinden körperlicher Gebrechen.

 

Artifizielle Störung
Die artifizielle Störung (vorgetäuschte Störung) basiert - wie das Münchhausen-Syndrom und das Münchhausen-by-proxy-Syndrom - auf Täuschung und Betrug. Gemeinsames Merkmal dieser Störungen ist das absichtliche Erzeugen oder Vortäuschen körperlicher oder psychischer Symptome und / oder Behinderungen an der eigenen Person oder an anderen Personen, wobei das selbst- oder fremdverletzende Verhalten heimlich - vermutlich in einem dissoziativen Bewusstseinszustand - erfolgt und nachfolgend medizinische Behandlungen und Eingriffe eingefordert werden.


Münchhausen Syndrom

Eine besondere Form der Pseudologia phantastica ist das Münchhausen-Syndrom, bei dem der Patient körperliche Beschwerden erfindet und durch Lügen untermauert, um die Aufmerksamkeit speziell von Ärzten zu bekommen. Sofern die Störung überhaupt erkannt wird, wird sie unter ICD-10: F68.1 als artifizielle Störung eingestuft. Das Münchhausen-Syndrom zeigt sich z.B. bei Menschen, die als Patienten mit erfundenen oder inszenierten Beschwerden von einer Praxis oder Klinik in die nächste ziehen und mit dramatischen und fantasievoll ausgeschmückten Krankheitsgeschichten diagnostische und therapeutische Interventionen provozieren. In diesem Zusammenhang spricht man auch vom sogenannten "Behandlungswandern".

 

Münchhausen-by-proxy-Syndrom
Von einem Münchhausen-by-proxy-Syndrom spricht man, wenn eine Person anstelle einer Selbstschädigung einer anderen Person Schaden zufügt. Die Täter, die bislang untersucht wurden, sind meistens Mütter, Großmütter und weibliche Babysitter. Ihre Opfer sind in der Regel Säuglinge und Kleinkinder. Es ist aber davon auszugehen, dass ggf. auch andere Personengruppen betroffen sind, es jedoch konkret nicht auffällt.

 

Abgrenzung pseudologischer Störungen vom Wahn
Die artifizielle Störung grenzt sich vom Wahn bzw. wahnhaften Störungen (ICD-10: F20, F22) dadurch ab, dass der Pseudologe bzw. Mythomane seine Überzeugung revidieren kann - ohne dass man dabei allerdings von Normalität sprechen kann.

 

Pseudologie: Hintergründe / Verständnis

Einfach ausgedrückt, werden Pseudologen mit der Realität bzw. der Realität ihrer Erfahrung nicht fertig, weshalb sie durch erfundene Geschichten und Lügen bemüht sind, daraus auszubrechen. Der Ursprung für das zwanghafte Lügen, auch Pseudologica Phantastica genannt, liegt zumeist in traumatischen Erfahrungen in der Kindheit der Betroffenen.

Zum Verständnis dieser Neigung zur Unwahrheit lieferte Heinz Kohut (1971) einen entsprechenden tiefenpsychologischen Beitrag. Kohut unterscheidet Lügen, die von einer unzureichenden Verinnerlichung der normgebenden Eltern im Rahmen des Ödipuskomplexes entstanden sind von Lügen, die eine frühkindlichen Verwahrlosung als Ursache haben. Menschen, die bereits in der Säuglingszeit auf idealisierbare Eltern verzichten mussten, ersetzen demnach diesen Verlust durch eigene Allmachts-Phantasien (Größen-Selbst).

 

Eine zur Schau gestellte Verachtung für Werte und Ideale dient demnach der Abwehr und Verleugnung der Sehnsucht nach einer idealisierbaren Elternfigur. Es besteht die Neigung, ersatzweise idealisierende Übertragungen herzustellen. Die traumatische Zurückweisung durch das idealisierte Objekt löst unerträgliche narzisstische Spannungen aus, verbunden mit schmerzhafter Beschämung und Hypochondrie. Der Stolz der betroffenen Menschen auf ihre Geschicklichkeit, mit der sie in der Lage sind, ihre Umwelt zu manipulieren, dient zusätzlich dazu, das eigene Selbstwertgefühl aufzuwerten. Leere und Mangel an Selbstwertgefühl werden durch Erfolgserlebnisse aufgrund erfolgreich gelungener Täuschungen kompensiert.

 

Zusammenhänge
In vielen Fällen weisen Betroffene oft weitere psychologische Krankheiten auf. So konnte bei vielen Betroffenen auch das sogenannte Münchhausen Syndrom diagnostiziert werden. Enenso konnten bei überdurchschnittlich vielen Pseudologen Hirnschäden diagnostiziert werden.

 

Heilung
Die Pseudologica Phantastica ist über Verhaltens- und tiefenpsychologische Therapien gut heilbar. Das Problem ist jedoch - ähnlich wie z.B. einem Wahn - dass sich nur sehr wenige Betroffene überhaupt einem Arzt (Psychiater) oder einem Psychologen (Psychotherapeuten) anvertrauen. Zu groß ist das Streben nach Aufrechterhaltung der Erfolgserlebnisse, die über Lügenkonstrukte eingefahren werden. Hinzu kommt das Verhängnis, dass die Betroffenen irgendwann selbst von ihren phantastischen Konstrukten überzeugt sind, so dass sich eine völlig neue Realität manifestiert. In den meisten Fällen suchen Menschen mit einer pseudologischen Störung erst dann therapeutische Hilfe, wenn die Lügenkonstrukte zu starken Konflikten am Arbeitsplatz, im partnerschaftlichen Beziehungsleben, innerhalb der Familie oder sogar mit dem Gesetz geführt haben.

Problematik und Dilemma der artifiziellen Störung
Die artifizielle Störung (vorgetäuschte Störung) basiert - wie das Münchhausen-Syndrom und das Münchhausen-by-proxy-Syndrom - auf Täuschung und Betrug. Die Betroffenen haben keinen unmittelbar erkennbaren Nutzen (z.B. erhöhtes körperliches Wohlbefinden oder einen finanziellen Vorteil) aus ihrem Verhalten, erreichen jedoch erhöhte Aufmerksamkeit und/oder Zuwendung und/oder Fürsorge von ihrer Umwelt. Zudem verschaffen sie sich eine Art Einzigartigkeitsgefühl.

 

Eventuell dient das Verhalten auch dazu, Affekte und Spannungen zu regulieren. Bezüglich der Erklärung artifizieller Störungen gibt es die unterschiedlichsten Ansätze. Psychodynamische Deutungen gehen von der Reinszenierung traumatischer Erfahrungen aus, familiendynamisch orientierte Ansätze gehen davon aus, dass die Fokussierung z.B. auf ein vermeintlich krankes Kind der Regulierung und Stabilisierung konfliktreicher Paarbeziehungen dient.

 
Fakt ist: Nicht selten führt diese Störung zu einem ethischen Dilemma, weil das soziale Umfeld nicht weiß, wie es damit umgehen soll: Auf der einen Seite der Schaden, die Krankheit, die Verletzung und die Moral - auf der anderen Seite die unerklärliche Ursache und eine Persönlichkeit, von der man nicht weiß, ob sie nun täuscht und lügt oder gar die Wahrheit sagt. Kaum einer will die moralische Schuld auf sich nehmen, sich der Problematik zu Ungunsten der vermeintlich gestörten Person offen zu stellen oder die Zusammenhänge ernsthaft zu hinterfragen.

 

Menschen mit artifiziellen Störungen sind Meister der Täuschung. Sie verstehen es, selbst erfahrene Spezialisten über mehrere Jahre hinweg hinters Licht zu führen. Sie zeigen ein großes Interesse an Medizin oder üben sogar selbst Berufe im medizinischen Umfeld aus. Folglich kennen sie die entsprechenden Krankheits-Symptome und können überzeugend simulieren. Insbesondere profitieren sie von der allgemeinen Einstellung, kranken Menschen helfen zu wollen, sie zu schonen und entsprechendes Mitleid zu empfinden.

 

Auch werden ihre Täuschungen dadurch begünstigt, dass Ärzte Angst davor haben, eine seltene und unbekannte Krankheit zu übersehen. Menschen mit einer artifiziellen Störungen neigen dazu, Ärzte und Psychotherapeuten in ein komplexes Beziehungsgeflecht zu verwickeln. Sie präsentieren sich als ideale Patienten, indem sie - neben fachlicher Versiertheit und Fachverständnis - eine hohe Geduld und Toleranz gegenüber selbst aufwendigen Untersuchungen zeigen. Selbst schweren Eingriffen stimmen sie relativ einfach und unkritisch zu.

 

Auffallend viele Menschen mit einer artifiziellen Störung sind weiblich. Viele (wenn nicht die meisten von ihnen) leben allein bzw. sind getrennt lebend und weisen eine Persönlichkeitsstörung und/oder andere psychische Störung auf. Die Bildung ist zumeist durchschnittlich. Viele von ihnen üben einen medizinischen Assistenzberuf aus. Überwiegend viele Menschen mit Münchhausen Syndrom sind hingegen Männer. Beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom handelt es sich zumeist um Frauen.

Mögliche Ursachen für das Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Ursächlich ist häufig ein Gefühl der Einsamkeit, der Isolation und der Minderwertigkeit. Viele der Betroffenen führen distanzierte Beziehungen, die sie jedoch dominieren. Sie erfahren wenig Unterstützung, weshalb sie u.a. Aggressionen gegen sich selbst hegen. Alternativ richten sich die Aggressionen gegen andere, denen sie Verletzungen zufügen. Das Dilema: Mütter mit Münchhausen-by-proxy-Syndrom zeigen sich sich in Bezug auf ihre Kinder besonders fürsorglich und aufopferungsvoll und erreichen ein optimales und sympathisches Zusammenspiel mit dem medizinischen Personal. Schnell bauen sie innige Beziehungen zum Pflegepersonal oder zu anderen Eltern auf, zeigen Sympathie, Kompetenz und Sozialkompetenz. Auffällig ist nur, dass sie sich deutlich weniger Sorgen in Bezug auf schwere Eingriffe bei ihren Kindern machen. Zudem fordern sie geradewegs bestimmte Eingriffe. Auffällig ist jedoch ihre Gefühlskälte und Gleichgültigkeit, wenn eines ihrer Kinder verstirbt.

 

Sobald ein Arzt oder Psychotherapeut das vermeintlich idealtypische, überangepasste Verhalten hinterfragen sollte, reagieren die Betroffenen durch Beziehungsabbruch oder Verleugnung. Die abgespaltenen, dem bewussten Erleben nicht oder kaum zugänglichen Selbst- oder Fremdschädigungstendenzen können dabei für die Patienten kaum fassbar bleiben, so dass sie sich vom Arzt oder Psychotherapeuten missverstanden, abgelehnt oder gedemütigt fühlen. In der Regel suchen sie gleich nach dem Beziehungsabbruch einen neuen Kontakt mit einem anderen Behandler, und das Beziehungsmuster wiederholt sich hier in ähnlicher Abfolge.


Hintergründe
Artifiziellen Störungen liegen oft traumatische Erlebnisse in der Kindheit zugrunde (z.B. Traumatisierung durch Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, soziale Deprivation, fehlende idealisierbare Elternfiguren, Leidensdruck durch feindselige und unzuverlässige Familienatmosphäre etc.).

 

Aus diesem Grund besteht gegenüber anderen Menschen häufig ein Misstrauen. Sie selbst befürchten Täuschung und Verrat. Daher sind die Betroffenen kaum in der Lage, emotional tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen.

 

Stattdessen besteht die Neigung, ersatzweise idealisierende Übertragungen herzustellen. Das Fehlen zuverlässiger elterlicher Ideale und/oder die traumatische Zurückweisung durch das idealisierte Objekt (z.B. die Eltern) löst in den Betroffenen unerträgliche narzisstische Spannungen aus. Diese narzisstischen Spannungen verbinden sich mit einer Form der schmerzhaften inneren Beschämung und einer Form der Hypochondrie.

 

Der Stolz der betroffenen Menschen auf ihre Geschicklichkeit, mit der sie in der Lage sind, ihre Umwelt zu manipulieren, dient zusätzlich dazu, das eigene Selbstwertgefühl aufzuwerten. Leere und Mangel an Selbstwertgefühl werden durch Erfolgserlebnisse aufgrund erfolgreich gelungener Täuschungen kompensiert. Kriminelle Züge und Handlungen werden dabei ebenso in Kauf genommen wie aufwändigste - sogar schmerzhafte und gefährliche medizinische Eingriffe an sich oder anderen (z.B. den eigenen Kindern).

 

Viele Menschen mit einer artifiziellen Störung haben zahlreiche medizinische Behandlungen über sich ergehen lassen. Alternativ haben sie selbst miterlebt, dass Familienangehörige häufig hilflos, krank und behandlungsbedürftig waren. Aufgrund dieser einschneidenden Erfahrung ist ihre Persönlichkeit gespalten und auch ihr Verhältnis zu ihrem Körper gestört, gespalten und eher negativ. Die Betroffenen sehen in ihrem Körper keinen wirklichen Teil des Selbst. Aus Sicht der Betroffenen dient der Körper lediglich als Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Ziele sind in der Regel nicht bewusst, sondern unbewusst. Das krankhafte Verhalten erfolgt zumeist intuitiv.  

 

Obwohl viele der Betroffenen in ihrem Leben selbst Schmerzen erfahren haben, reagieren sie empathie- und mitleidslos auf den Leidensausdruck anderer Menschen, selbst auf den ihrer Kinder. Dass dem so ist, kann u.a. daran liegen, dass ihnen selbst wenig oder keine Empathie entgegengebracht wurde, als sie selbst Schmerzen ertragen mussten. 

 

Auffällig ist das Zusammenwirken mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen. So ist z.B. das Münchhausen-Syndrom häufig an dissoziale Persönlichkeitsstörungen gekoppelt, während artifizielle Störungen und das Münchhausen-by-proxy-Syndrom eher an eine depressive Persönlichkeit, an eine narzisstische Persönlichkeit oder an eine histrionische Persönlichkeit gekoppelt sind, ebenfalls an mögliche Ess- und Borderline-Störungen.

Quelle für das Dilemma artifizieller Störungen:
Ärzteblatt, PP 9, Ausgabe September 2010, Seite 419

Presse

Pseudologie: Krankhafte Lügner
(Focus.de vom 06.05.2009)


Mutter vergiftet Sohn mit verseuchten Spritzen
(Die Welt vom 21.09.2015)

Weiteres Wissen